Als Sven-Sören Christophersen mit der Schlusssirene den Ball zum 31. Berliner Treffer im Medwedi-Gehäuse versenkte, war der Lärm auf den Rängen ohrenbetäubend. Mit großer Zähigkeit und immensem Glauben an die eigenen Stärken hatten die Füchse ein Spiel entschieden, das der international so erfahrene Gegner niemals verlieren durfte.
Immer wieder wechselte die Führung, sahen die Gäste mit ihren wuchtigen Rückraumschützen Harbok und Shelmenko, ihrer kompromisslosen Deckung und ihren überfallartigen Kontern wie die sicheren Sieger aus. Und immer wieder gab es auf beiden Seiten Sand im Getriebe, wurden beste Chancen vergeben und schien die fehlende Cleverness beim Abschluss das Schicksal der Füchse zu besiegeln.
Mit einer Niederlage wäre die Chance, mindestens noch Rang vier zu erreichen, auf das Prinzip Hoffnung geschmolzen. So fighteten die Berliner um jeden Ball, agierten zwar nicht in jedem Angriff glücklich, doch mit allem, was an diesem Tag in ihnen steckte. So gab es dann auch viele Helden: den achtfachen Torschützen Markus Richwien etwa oder sein Pendant auf Linksaußen, Ivan Nincevic (7/1). Der ließ zwar mehrere Großchancen gegen die auf den Flügeln sehr anfälligen Gäste zu, traf aber in entscheidenden Momenten – etwa zur 28:27-Führung (57.).
Torhüter Silvio Heinevetter war in der letzten Viertelstunde nahezu unbezwingbar, obwohl er anfangs keinen Ball angefasst hatte und schon früh das Tor für Petr Stochl räumte. Abwehrchef Denis Spoljaric biss trotz Schmerzen an der Achillessehne die Zähne zusammen und sorgte nach der Pause dafür, dass Medwedi nur noch neun Treffer erzielte – zehn weniger als vor dem Wechsel.
Und da waren noch Sven-Sören Christophersen, der trotz schwerer Handprellung sechsmal traf, Bartlomiej Jaszka, der sich wagemutig in die knüppelharte gegnerische Deckung stürzte sowie Kapitän Torsten Laen, der am Kreis mit den Schwergewichten Rastvortsev und Chernoivanov um jeden Zentimeter rang und sechs Minuten vor dem Ende ein wichtiges Tor erzielte. Nicht zu vergessen Mark Bult: Als Vertreter für den verletzten Alexander Petersson waren seine Aktionen zunächst unglücklich, er sorgte aber mit seinen beiden Treffern zur 23:22-Führung sowie dem eiskalt verwandelten Strafwurf zum 30:28 für den größten Jubel unter den 8.590 Zuschauern im Tollhaus Max-Schmeling-Halle.
Besonders bemerkenswert: Mitten im zähesten Ringen um den Erfolg schickten die Füchse ihren Jüngsten ins Gefecht: Der A-Jugendliche Fabian Wiede durfte für einige Momente Champions-League-Luft schnuppern und bekam gleich einen Eindruck von europäischer Härte. „Wenn man hier in den Neunmeter-Kreis geht, gibt es sofort Schläge. Aber das war schon ein geiles Spiel“, berichtete der gerade erst 18 Jahre alt gewordene Linkshänder. Dass er im Kader steht, hatte er erst am Vortag erfahren. „Die Nacht war dann doch etwas kurz. Ich war schon sehr aufgeregt, aber ich habe probiert, auf dem Feld das Beste zu machen.“
Das ist ihm wie seinen gestandenen Teamkollegen ohne Zweifel gelungen. Trainer Dagur Sigudsson, der betonte, dass es ihm eine große Ehre sei, neben Trainerlegende Wladimir Maximov auf dem Podium der Pressekonferenz zu sitzen, war voll des Lobes für seine Schützlinge: „Wir sind Stück für Stück stärker geworden, deshalb konnten wir in den letzten Minuten die Big Points machen. Ein Lob an die Mannschaft, die immer wieder den Kopf hoch genommen und gekämpft hat. Und ein Dank an die Zuschauer, die uns getragen haben. Das ist ein großer Tag für uns.“
In der Tat: Mit einem Sieg im letzten Heimspiel am 25. Februar gegen das noch sieglose Team von Bjerringbro-Silkeborg können die Füchse (jetzt Gruppendritter mit 9 Punkten) das Achtelfinale perfekt machen. Zuvor reisen sie ohne großen Druck am 19. Februar zum großen Favoriten Atletico Madrid (14 Zähler).
Die Entscheidungen über die weiteren Platzierungen fallen auch in den Begegnungen der direkten Kontrahenten Medwedi (7) gegen Veszprem (10) am 16.2. und Kielce (8) gegen Medwedi am 25.2. Läuft alles optimal, werden die Berliner sogar Zweiter und dürfen vom Viertelfinale träumen. Aber auch Rang vier und damit ein Achtelfinale gegen einen Gruppensieger (vielleicht sogar Kiel oder Hamburg) wäre für die Debütanten ein großer Erfolg.
Zunächst stehen jedoch die Pflichtaufgaben in der Bundesliga auf dem Programm: Schon am Mittwoch (19.30 Uhr) kommt mit dem SC Magdeburg ein gefährlicher Gegner in die Schmeling-Halle. Der Tabellensechste kann an guten Tagen mit den Spitzenteams der Liga mithalten und läuft gerade gegen die Füchse immer zu Bestform auf. Wollen die Berliner auch in der kommenden Saison so große Siege wie gegen Medwedi Tschechow feiern, müssen sie alle ausstehenden Heimspiele gewinnen. Das gegen Magdeburg dürfte dabei wieder eine ganz besondere Stellung einnehmen.
22.5.2012